
Heute muss ich einen Fehler beichten.
Ein Versehen gestehen. Einen Irrtum zugeben.
Ich habe einen Termin übersehen – in einem Wellnesshotel – für (m)eine Massage.
Nun wirst du vermutlich sagen: „Na und? Das macht doch nichts. Das kann jedem passieren. Fehler zu machen ist doch menschlich.“
Und ich stimme dir vollen Herzens zu und sage diese Sätze ständig. Zu vielen, vielen Menschen. Und ich meine sie auch so.
Nur – und hier wird es interessant – scheinen sie nicht für mich zu gelten.
Als ich meinen Irrtum bemerkte, setzte sofort eine Lawine an unangenehmen Gefühlen ein.
Scham (Wie peinlich!),
Ärger (Mist! Jetzt habe ich diese tolle Anwendung versäumt!),
Selbstvorwürfe (Wie kann mir das passieren? – Antwort übrigens: Ich hatte es nicht im Bullet Journal eingetragen),
Angst (Was, wenn Strafgebühren fällig werden? Oder jemand schimpft?),
und dann wieder retour zur Scham.
Diese Reaktionen waren stark und spontan und reduzierten mich zurück in den Status einer Fünfjährigen.
Offenbar kennen Menschen dieses Phänomen spätestens seit den Römern – „Errare humanum est.“ (dieser Satz wird Seneca zugeschrieben) – also „Irren ist menschlich.“
Und die großartige Kara Loewentheil ergänzt trocken:
„How human of me!“
Ein Satz, den ich sehr gerne verwende. Bei anderen. 😉
Mein Verstand war übrigens völlig klar und vernünftig und listete brav auf:
- Es ist nichts wirklich Schlimmes passiert.
- So viele Menschen haben mir gegenüber schon Termine vergessen – und ich war immer nachsichtig.
- Es ist nicht besonders liebevoll, von mir gnadenlosere Standards zu verlangen als vom Rest der Welt.
Eine befreundete Psychologin sagte schließlich nur:
„Genieß dein Missgeschick.“
Und das habe ich gemacht. Jawohl – ich genieße es, zu erfahren, dass sich die Welt immer noch dreht, selbst wenn ich etwas verwechsle. Ich durfte lernen, dass meine Angst vor Fehlern und Missbilligung deutlich größer ist als etwaige reale Konsequenzen. Und dass ich MIR gegenüber genauso nachsichtig sein darf (und soll), wie ich es bei jedem anderen (automatisch) bin.

Und im Übrigen ist auch wirklich nichts passiert – ich musste nichts extra bezahlen, konnte den Termin problemlos nachholen und habe mich für die Kulanz mit einem großzügigen Trinkgeld bedankt.
Es war, nüchtern betrachtet, eine Kleinigkeit.
(Es ist ja nicht so, als hätte ich Grönland mit Island verwechselt.)
Falls du auch strenger bist mit dir als mit deinen Mitmenschen, so wünsche ich dir alles Liebe und viel Geduld und Nachsicht bei deinen kleinen Missgeschicken,
Herzlich
Gudrun

P.S.: Wusstest du übrigens, dass die Amish in ihre wundervollen Quilts absichtlich einen Fehler hineinnähen? Nicht aus Schlamperei, sondern aus Weisheit. Perfektion. so glauben sie, ist nicht menschlich. Die überlassen sie Gott.
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