Der Fasching und ich – wir führen eine höfliche Fernbeziehung.
Er ist laut, intensiv, schrill – ich mag es leise, auch intensiv und sophisticated.

Heuer hat er mich allerdings unvermutet erwischt – mit einem Gefühlsausbruch am Unsinnigen Donnerstag.
Das kam so:
Wie gewohnt freue ich mich auf den Opernball – nicht vor Ort, aber wie so viele Österreicher*innen live von zuhause aus dabei. Ich liebe Wien, die Musik und Tanz, ich erfreue mich an der Schönheit der Blumen, bestaune Abendroben mit mehr Stoff als mein Wohnzimmer Vorhänge hat, und nasche etwas von der kollektiven Aufregung und Lebensfreude, die via Fernsehen direkt von der Hauptstadt in mein Wohnzimmer flirrt.
Ich fiebere mit den Debütant*innen bei der Eröffnung mit, ich gebe mich dem Zauber hin, und ab und zu schnappe ich mir einen verwunderten Sohn und dann gilt „Alles Walzer!“ auch für uns auf unserem Parkett.

Heuer hat mich ein Gefühl unerwartet erwischt – inmitten der beschwingten Leichtigkeit. Sharon Stone betrat den Red Carpet, sichtbar gerührt und sprach mit einer Mischung aus Staunen und Ernst von der Schönheit der Veranstaltung, von Österreich als einem „country of unity“, von „cultural pride“, von „sea of grace“, von „dignity“, von „love for your fellow men“ und endete mit „thank you for setting this example for the rest of us“.
Ich war ergriffen. Tränen flossen.
Weil manchmal jemand von außen Dinge sieht, die wir selbst für selbstverständlich halten.
Ja, wir diskutieren. Ja, wir sind nicht immer einer Meinung. Ja, wir können Granteln auf Weltklasseniveau.
Aber da ist auch etwas anderes: Kultur. Menschlichkeit. Würde. Eine gewisse zivilisatorische Eleganz, die nicht aus dem Nichts kommt.
Und selbst wenn wir nicht immer mit allem in unserem Land restlos einverstanden sein mögen, so war ich doch erschüttert über den Schmerz dieser wunderbaren Künstlerin, und war „deeply moved“ über die zart und dennoch klar ausgedrückte Trauer über die Umstände in ihrem Land.
Sie hat durch ihre Worte das herausgehoben, was an Kostbarkeiten für sie mit ihrem Blick von außen erkennbar ist, und dies auch für uns sichtbar gezeichnet. Mutig, verletzt und verletzlich, abseits einer zu erwartenden professionellen Performance.
Dafür bin ich ihr dankbar – und es ist Anlass für mich, diese Werte hochzuhalten, zu benennen und zu feiern und zu erkennen, dass dies schwer umkämpfte Geschenke sind, die wir nun genießen und auch wertschätzen können, müssen und dürfen.
Und vielleicht hat mich genau diese Mischung berührt: Emotion, Bewunderung und Sehnsucht zugleich.
(Ein interessanter Nebeneffekt, der mir auch auffällt: In den Medien wird von einem angeblichen Nervenzusammenbruch berichtet – ich sehe AWE in Reinkultur, ein echtes, tiefes Gefühl – vielleicht ungewohnt und gleichzeitig wunderschön und roh.)
Ich nehme diesen Unsinnigen Donnerstag also ernst.
Als Erinnerung, das Gute, Wahre und Schöne nicht dem Lärm zu überlassen. Sondern es bewusst zu benennen. Zu schützen. Zu feiern.
Und Sharon Stone wünsche ich, wie vielen anderen auch, dass die Narren in ihrem Land endlich zur Vernunft kommen und den gefährlichen Unsinn(igen Donald) bleiben lassen.
Man mag zum Opernball oder Fasching stehen, wie man mag, der Fokus auf unsere Schätze sollte uns einen. Und die Liebe zur Menschlichkeit? Die darf gerne Konsens sein.

In diesem Sinne:
Alles Liebe und viel Liebe und einen schönen Valentinstag,
Gudrun
P.S. „All you need is love“ heißt es am 18. 2. zum Schreibabend in der Stadtbibliothek Reutte. Komm gerne vorbei und gönne dir zwei Stunden Selbstliebe beim Schreiben, Lachen und Plaudern.
Schreiben Sie einen Kommentar