Weil Worte wirken

Wenn ich mich in der Welt umschaue oder umhöre, dann merke ich, vor allem, wenn ich über den großen Teich blicke, eine unglaubliche Verrohung in der Sprache. Und das macht unmenschliches Verhalten zunehmend salonfähig.

Wir wissen das. Und sehen das.

Gleichzeitig gibt es glücklicherweise Menschen, die positive Szenarien entwerfen durch bewusst gewählte Worte.

Ein aktuelles Beispiel ist die Rede von Michelle Obama anlässlich der Eröffnung des Obama Presidential Center.

Was mich berührt hat, war nicht der Inhalt allein.

Sondern die Art, wie sie sprach.

Mit Wertschätzung. Kultiviert. Elegant. Mit Respekt.

Mit Worten, die Menschen größer machen.

Und Hoffnung verströmen.

Auch wenn wir selbst nicht auf der Weltbühne stehen, so sind wir doch im Alltag auch in Sprech-Rollen zu finden, bei denen unser Text das Stück prägt.

Gestern hatte ich eine routinemäßige Vorsorgeuntersuchung bei einer neuen Ärztin. Nichts Dramatisches. Trotzdem war ich ein wenig angespannt. Und schon kam eine Mitarbeiterin mit strahlendem Gesicht und folgenden Worten auf mich zu: „Ich habe erst kürzlich von Ihnen gesprochen. Ich habe Ihren Englisch-Unterricht soo geliebt. – Danke!“

Foto: Unsplash Barbel Kobusch

Mehr nicht. Ein paar Worte. Und doch haben sie etwas verändert. Meine Nervosität war wie weggeblasen. Es war Freude da. Und Staunen.

Denn mein Unterricht von ihr liegt viele Jahre zurück. Die Schülerinnen und Schüler von damals sind längst erwachsen.

Und doch wirken Worte, Gesten und Begegnungen offenbar weiter, als wir ahnen.

Vielleicht geht es uns allen so. Wir glauben, wir hätten „nur“ einen netten Kommentar geschrieben. „Nur“ jemanden ermutigt. „Nur“ Danke gesagt. „Nur“ eine Wertschätzung ausgesprochen.

Und merken nicht, wie weit diese kleinen Samen fliegen.

Oder wann sie aufgehen.

Gerade deshalb halte ich mich an eine einfache Regel: Wenn ich etwas Gutes denke oder entdecke, versuche ich, es auszusprechen. Denn die Welt hat genug von Kritik, Empörung und vorschnellen Urteilen.

Ein paar freundliche Worte mehr können nicht schaden.

Und wer weiß?

Vielleicht erinnert sich jemand noch Jahre später daran. So wie ich gestern.

Herzlich,

Gudrun

P.S. Falls du dich genauso für die Kraft von Sprache, Geschichten und menschliche Begegnungen begeisterst wie ich, dann findest du vieles davon auch in meinem Buch. Eine leichte Sommerlektüre – und vielleicht ein paar Worte, die dich noch eine Weile begleiten.

P.P.S. Am 25. 6. ist der 100. Geburtstag einer meiner Lieblingsautorinnen Ingeborg Bachmann.

Wenn du ihn mit mir feiern und dich mit ihren Themen, Gedanken und Worten befassen möchtest, ihr ist dieses Modul meines „Phenomenal Women Write!“-Kurses gewidmet.

  1. Liebe Gudrun,

    was für ein schöner Beitrag, danke! 🙂

    Ein bisschen (mehr) Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, ein nettes Wort, ein Lächeln, können so viel bewirken – und es hat noch keinem geschadet.

    Ich sage sehr gerne Danke und Bitte. (Danke Mama, dafür).

    Lieben Gruß
    Heidrun

    1. Avatar von Gudrun

      Liebe Heidrun,
      ich auch – in diesem Sinne „Danke für deinen wertschätzenden Kommentar!“ – ich freue mich darüber und „bitte“ auch von mir ein Danke an deine Mama.
      Herzliche Grüße,
      Gudrun

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